Tr´espace ArbeiT

 

Tr´espace ArbeiT

Die Arbeit des schweizer Künstlers Roman Müller schwebt zwischen absurdem Theater und Performance. Schon der Beginn erscheint eher als Übergang von Alltagswelt in die phantastische Ateliersituation eines besessenen Artisten und Wissenschaftlers. Kein sich öffnender Vorhang, kein Gongschlag kein definierter Beginn. Bevor der Zuschauer es bemerkt wird er zum Beobachter, fast zum Voyeur und der Künstler selbst bewegt sich bereits völlig versunken und konzentriert in einem difficilen Schaffensprozess, der ihm keinerlei Interaktion mit dem sich füllenden Zuschauerraum erlaubt.

Aus getrockneten Palmblättern balanciert Roman Müller eine Gestalt aus, die an das Gerippe eines präcumbrischen Sauriers erinnert, baut sich weiter und weiter ein in diese höchst fragile Konstruktion, so dass er zuletzt erscheint, wie Jonas im Bauch eines urzeitlichen Wals, der gleich darauf allerdings zerfällt.

Müllers Leidenschaft ist offensichtlich die Erfindung skuriler Gerätschaften und Maschinen, die ihm auf auf der Bühne zuarbeiten – Räder drehen, Diabolos zuwerfen, Lichter und Töne erzeugen und überhaupt ihr Eigenleben führen – fordernd und anscheinend unermüdlich, wie junge Hunde, die ständig beschäftigt sein wollen. Ist der Künstler Herr oder Sklave seiner maschinellen Kreaturen? Ist der Mensch Herr oder Sklave seiner industriellen und technologischen Erfindungen? Man fühlt sich an Goethes Zauberlehrling erinnert – Roman Müller scheint bedes in einer Person zu sein: Hexenmeister und Zauberlehrling zugleich.

Eine Nähmaschine entwickelt diabolisches Eigenleben – wird zum Sinnbild einer entfesselten Technologie, kaum zu beherrschen, bedrohlich, beschleunigend, selbst wenn sie in vollendetem Rhythmus dahinsurrt – mit 3000 Umdrehungen in der Minute – wie eine selbstgemalte Anzeige verspricht.Tinguely hätte seine Freude gehabt, an diesen dämonischen Mechaniken – Schweizer scheinen ja ein ausgesprochenes Faible für Maschinenkunst und ingeniueuse Drehmomente zu haben. Bevor die umgebaute Nähmaschine aber die Schreckensherrschaft über das Bühnengeschehen übernimmt, wird sie in einem Showdown aus Gewalt und Lichtnebel vom Künstler selbst mit einem messingglänzenden Schlagzeugbecken zersägt – Hephaistos lässt grüßen!

Ach – fast hätte ich es vergessen – bei einem Instrument ist die Rollenverteilung ganz klar  – bei ihm ist Roman Müller eindeutig der Meister: Gilt er doch als eine der besten Diabolo Jongleure, die es je gab. Mit spielerischer Leichtigkeit zwingt er dem Ding seinen Willen auf – nicht nur einem, sondern auch zwanzig von ihnen gleichzeitig. Was er aus diesen einfachen Halbschalen herausliest, mit welcher Sicherheit er Bewegungen steuert, aufnimmt und umlenkt, das grenzt tatsächlich ans Übersinnliche. Kaum vermag das menschliche Auge den Bewegungen zu folgen. Aber er macht sie sichtbar, mit Sand oder Sägemehl, die er in die rotierenden Schwungschalen hineingießt und in kurzlebige, fantastuose Lichtcascaden verwandelt.

Schade eigentlich, dass der Künstler das Ende des Stückes nicht ebenso offen lässt, wie den Anfang. Dann wäre es eine perfekt und organisch ins Alltagsgeschehen hineingegossene, hochpoetisch Performance. Die Begeisterung und Anerkennung der Zuschauer wären ihm, seinem Techniker und seiner grandiosen Pianistin ohnehin sicher. Jedoch – den Schlussapplaus, die Verbeugungen und das strahlend befreite Lächeln am Ende, läßt sich wohl kein Bühnenkünstler nehmen.

Auftraggeber: Kulturbüro Offenburg • Aufnahmen am 24.11.2013 Reithalle Offenburg • Photographie & Text Tilmann Krieg • Alle Rechte bei den Autoren

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